Da ist doch was schief hier…

Auf meinem Arbeitsweg zum SAMPURNA begegnet mir täglich dieses wunderbare, 300 Jahre alte Haus. Am Anfang habe ich mich immer daran gestört, wie „krumm“ es ist. Es kamen mir Gedanken wie: „ist das Haus wohl altersschwach?“, „wer hat denn da beim Bau nicht aufgepasst…“

Mit der Zeit gewöhnte ich mich an das Haus. Mittlerweile freue ich mich es zu sehen und grüße es beim Vorbeigehen. Durch seine Andersartigkeit hat es mir inzwischen einige wertvolle Impulse gegeben. Es hat sich zum Haus der Inspiration für mich entwickelt.

Zuerst hat es mir etwas über mich selber beigebracht. Wie konditioniert bin ich doch auf „ordentliche“ und „gerade Formen“. Warum stört es mich, wenn etwas nicht so ist, wie ich es erwarte? Wer bin ich, dieses Haus zu verurteilen, weil es nicht so ist, wie ich es gewohnt bin?

Nur durch seine Andersartigkeit habe ich angefangen es als schwach oder anfällig zu betrachten. Was offensichtlich gar nicht stimmt, denn dieses Haus ist viel, viel älter als ich und steht doch gut da.

Wo in meinem Leben habe ich weitere Konditionierungen, durch die ich beginne etwas in eine Person oder Sache hineinzuinterpretieren, nur weil sie nicht so ist, wie ich es erwarte?

Diese Gedanken haben mir einige Zeit neue Erkenntnisse über mich geliefert. Jeden Morgen auf meinem Weg konnte ich, angeregt durch das Haus, etwas über mich lernen. Ich habe Situationen erinnert und reflektiert, in denen ich Menschen verurteilt habe, nur weil sie nicht so waren oder sich verhalten haben, wie ich es erwarte oder gewohnt bin.

Auch habe ich gelernt, dass Uniformität niemanden weiter bringt im Leben. Es gibt so viele Häuser in Bärstadt an denen ich morgens vorbeilaufe, aber keines hat mich inspiriert. Alle sind so, wie ich es erwarte, deshalb haben sie bei mir auch keine Entwicklung ausgelöst.

Bedeutet dies nicht auch, dass ich andere Menschen nur erreiche und nachdrücklich beeindrucke, wenn ich anders bin? Wenn ich meine Mitmenschen aus ihrem „Trott“ hole und ein ganz kleines bisschen wachrüttle?

Nun begann ich einige Tage auf meinem Weg darüber nachzudenken, wo ich, unnötiger Weise, versuche mich anzupassen, anstatt meine Andersartigkeit zu leben. Ich begann zu überlegen wo ich andere Menschen mit etwas Neuem überraschen kann, so dass sie für einen Moment „aufwachen“. Wo kann ich andere Menschen inspirieren, damit sie in ihrer persönlichen Entwicklung voranschreiten können? Auch diesen wunderbaren Impuls hat das Haus bei mir gesetzt.

Diese Woche kam nun eine neue Erkenntnis dazu. Offensichtlich hat jemand damals, bei der Holzbeschaffung, diesen krummen Baumstamm käuflich erworben. Vielleicht war er besonders günstig, vielleicht gab es auch zu dem Tag des Baubeginns keinen anderen, oder er wollte es genauso haben. Wir werden dies nun, nach so vielen Jahren, nicht mehr herausfinden.

Was ich aber gelernt habe, ist mir von diesem Haus abzukucken, wie Leben gut funktioniert. Wenn wir die Dinge so verbrauchen, wie sie zu uns kommen, dann ist Leben ganz leicht. Unsere Mitmenschen so zu lieben, wie sie sind, mit all ihren Fehlern und Macken, das würde unser und das Leben der Anderen viel angenehmer werden lassen.

Schwierig und anstrengend wird es, wenn wir Dinge nur akzeptieren, wenn sie genauso sind, wie in unserer Vorstellung. Dann gehen wir in den Widerstand und werden unzufrieden. Suchen wir z.B. ein gebrauchtes Auto und wollen einen ganz bestimmten Typ, ein ganz bestimmtes Baujahr und vor allem eine ganz bestimmte Farbe, dann wird die Suche sehr anstrengend und langwierig. Beginnen wir die Suche hingegen offen und sind auch bereit ein rotes Auto zu akzeptieren, wenn es sonst zuverlässig und günstig erscheint, kommen wir bestimmt schneller zum Ziel.

In dem Fall von diesem Haus hat der Erbauer einfach die Gegebenheit von dem Holz aufgenommen und den Rest aus Lehm, Stein und Stroh herum modelliert, bis es wunderbar gepasst hat. Könnten wir doch dieses Beispiel auf unser Leben übertragen und „auch mal Fünfe gerade sein lassen“.

Ich habe mir fest vorgenommen in Zukunft genau zu prüfen, wie ich aus den Dingen, die um mich herum vorhanden sind, etwas Konstruktives, Schönes formen kann. Ich habe mir vorgenommen nicht mehr verzweifelt auf die Suche zu gehen, bis alles genau so ist, wie ich es mir vorstelle. Ich habe gelernt, dass diese Vorstellungen den Prozess der echten Kreativität hemmen.

Lausche dem Universum, beobachte, was es dir anbietet und dann benutze deine Kreativität das Beste daraus zu machen. So wird Leben zu einem Abenteuer, es bleibt spannend und inspirierend. Du sparst viel Energie in dem du aufhörst die Dinge deinen Vorstellungen entsprechend „hinzubiegen“.

Danke dir liebes Haus, dass es dich gibt. Danke dir, dass du genauso bist und nicht anders. Danke, dass du mich wachgerüttelt und inspiriert hast.

Dein Sven-Oliver